Kantatengottesdienst: O Haupt voll Blut und Wunden

Bild des Komponisten Hans Leo Hassler

Seit 1585 war Hans Leo Hassler (1564 –1612) in Augsburg Kammerorganist des Grafen Oktavian II. von Fugger und Organist an St. Moritz. Daneben widmete er sich kaufmännischen Geschäften und der Entwicklung und Herstellung von Uhren und Orgelautomaten. Große Bekanntheit erreichte er jedoch als Komponist. Gelegentlich wird Hassler als wichtigster Komponist und Madrigalist seiner Zeit genannt. Hasslers Werk steht an der Stilwende von der späten Renaissance zu venezianisch-frühbarocker Klangentfaltung. Neben Werken mit schlichter, liedhafter Homophonie entfalten seine Kompositionen mit bis zu 16 Stimmen barocke Klangpracht nach dem Vorbild der venezianischen Mehrchörigkeit, die er bei Andrea und Giovanni Gabrieli 1584/85 in Venedig kennengelernt hatte. Musikgeschichtlich ist er ein Bindeglied zwischen Orlande de Lassus und Heinrich Schütz. 1601 veröffentlichte er eine Sammlung instrumentaler und vokaler Werke mit dem Titel Lustgarten neuer teutscher Gesäng, Balletti, Gaillarden und Intraden. Darin findet sich ein Liebeslied, das eine bemerkenswerte Entwicklung nimmt.

Mein gmüth ist mir verwirret, das macht ein Jungfrau zart,
bin ganz und gar verirret, mein Herz das kränckt sich hart …

So lauten die ersten Zeilen dieses liebe- und leidvollen Gesangs, dessen überdauernde Bedeutung jedoch nicht im Text, sondern in der Komposition liegt. 1613 wurde seiner Melodie der geistliche Liedtext Herzlich tut mich verlangen nach einem sel’gen End unterlegt, 1656 übernahm sie Johann Crüger in rhythmisch vereinfachter Fassung für das Kirchenlied O Haupt voll Blut und Wunden auf einen Text von Paul Gerhardt, dessen 350. Todestages wir in diesem Jahr am 27. Mai gedenken. Auch der Text Befiehl du deine Wege von Paul Gerhardt wird gelegentlich mit Hasslers Melodie verbunden, so in der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach (Choral Nr. 53). Die Melodie erscheint außerdem in Bachs Weihnachtsoratorium und zu Paul Gerhardts Text Wie soll ich dich empfangen, dem ersten Choral in Teil I (Nr. 5) und zu dem Text Nun seid ihr wohl gerochen im Schlusschor von Teil VI.

Weitere Bearbeitungen liegen von Johann Pachelbel, Georg Philipp Telemann, Franz Liszt, Max Reger, Joseph Gabriel Rheinberger, Johann Nepomuk David und vielen weiteren Komponisten vor. Darunter finden sich zudem zahlreiche Orgelbearbeitungen.
Auch Felix Mendelssohn Bartholdy hat 1830 eine Kirchenkantate für Soli, Chor und Orchester über O Haupt voll Blut und Wunden komponiert, die wir am diesjährigen Karfreitag im Gottesdienst hören können.

Allerdings endet die Verwendung der Melodie nicht im 19. Jahrhundert. Auch die Schöpfer neuerlicher musikalischer Werke greifen auf sie zurück: um 1960 Peter, Paul & Mary mit dem Dave-Brubeck-Trio für Because all men are brothers, 1973 der Songwriter Paul Simon für seinen Song American Tune, 1995 der Liedermacher Hannes Wader für das Lied Tagtraum, 1999 die Berliner Rockband Knorkator für Weihnachtsschimpfe, 2006 der Pianist Dieter Falk im Album A tribute to Paul Gerhardt und 2012 der Songwriter John K. Samson für seinen Song Stop Error. Die Qualität der jeweiligen Texte schwankt dabei zwischen trivial und besinnlich-tiefgründig.