
Alte Geschichten und neue Klänge
Nach einer kurzen Begrüßung durch die Evangelische Kirchengemeinde Geldern, die zu dieser Veranstaltung eingeladen hatte, begrüßte auch Elmar Lehnen seine Gäste. 35 Menschen waren der Einladung gefolgt und hörten den Geschichten zu, die Lehnen erzählte von der Orgelwelt und insbesondere von der erst kürzlich renovierten Seifert Orgel in der Basilika.
Es sind die günstigen Umstände, die diese Orgel so weltbedeutend gemacht haben, führt Lehnen in eine zusammenfassende Historie ein, die die Geschichte der außergewöhnlichen Seifert Orgel ausmacht. In der Zeit Johann Sebastian Bachs erlebt die Orgel einen Höhepunkt, und dann schließlich einen Endpunkt. „Das Barocke war nicht mehr gefragt“, erklärt Lehnen. Klassische Musik wird zu dieser Zeit nicht mehr geschrieben für die Orgel. Die Orgelbauer sind entsetzt: „Wir verlieren ein Instrument und die Organisten.“ Für den neuen Sound sind viele Musikinstrumente erforderlich, wie zum Beispiel 20 Bratschen, 10 Kontrabässe und viele andere mehr. Die Orgel müsse voluminöser werden, ist man sich einig. Mit der Mechanik einer Orgel ist das nicht zu leisten für den Organisten. Nur mit Hilfe der Elektrizität ist es umzusetzen, bemerkt man sehr schnell. Bereits 1926 hat die Orgel in der St. Marien Basilika 126 Register und ist damit die größte Orgel des deutschen Reiches.
Schon im Jahr 1907 anlässlich des Orgelneubaus für die Marienbasilika schickt der Orgelbauer Ernst Seifert, dessen Orgelbaufirma seinen Sitz in Köln hat, seinen Sohn nach Kevelaer, um dort eine Filiale zu führen. Das läuft so gut, dass der Standort des Unternehmens von der Stadt am Rhein in die Wall fahrtsstadt Kevelaer verlegt wird.
Im zweiten Weltkrieg wird aus der Basilika ein Internierungslager. Viel Holz wird verfeuert, auch die Orgel muss dran glauben. Der Spieltisch wird zerstört. Ein Mann aus Frankreich ist auch in diesem Lager, der nach drei Aufenthalten in Konzentrationslagern hier landet. Er nimmt später zwei kleine Figuren aus der Basilika mit auf dem Weg nach Hause. Nach 80 Jahren haben diese Figuren ihren Weg wieder in das Kirchenschiff gefunden. Die Töchter des Mannes haben sie am 9. Mai 2025 hier her zurückgebracht. „Nun stehen sie dort“, beendet Lehnen diese kleine besondere Geschichte und zeigt in die Richtung, wo das Fernwerk steht.
Wolfgang Seifen, Lehnens Lehrmeister auch, hat die Orgel weltberühmt gemacht, berichtet Lehnen weiter. Er selbst hat erlebt, dass die Romatik verpönt und schnell mit Kitsch gleichgesetzt wird. Schon bei einer Reinigung der Orgel hat Lehnen die Barockregister nicht mehr einsetzen lassen. Dass die Orgel nun seit Ende 2023 in einem optimalen Zustand im neuen Glanz erstrahlt, habe er selbst sich nicht träumen lassen, sagt Lehnen, „doch geträumt habe ich schon“.
Und es gibt noch weiterhin viel zu optimieren. Der Orgelbauverein beschäftigt sich zur Zeit mit der Renovierung der Orgel in der Kerzenkapelle, die sehr unter dem Ruß zu leiden hat, die die Kerzen erzeugen. Fünf Orgeln um den Kapellenplatz gäbe es, die zu erhalten seien. Das produziere natürlich enorme Kosten. So sei man immer auf Spenden angewiesen, erklärt Lehnen die vielfältigen immerwährenden Aufgaben, die es hier gibt.
Und dann ist es soweit und Elmar Lehnen lässt die Orgel in der Basilika erklingen. Auch darauf haben die Gäste gewartet und werden nicht enttäuscht. Leise Töne und Glockenklänge steigern sich während der Vorführung des brillanten Musikers über fantastisch virtuose Sequenzen zu voluminösen Spannungsfeldern, die den künstlerischen Wert des Organisten offenbart, der diese besondere Orgel zum Leben erweckt und die Gäste begeistert. Dieser Nachmittag klingt noch lange nach und wird bei einer Einkehr in das Pfannkuchenhaus auf der Busmannstraße besprochen.
